Donnerstag, 17. Dezember 2015

RASKOLNIKOW – karamasowisiert...

RASKOLNIKOW – karamasowisiert...
In dem schon legendären Bukarester Bulandra-Theater knüpft Yuri Kordonsky mit seiner überraschenden Schuld und Sühne-Version an alte Glanzzeiten an: Nicht ein Schauspieler, sondern gleich drei spielen den von Gewissensbissen geplagten Raskolnikow. Die so widersprüchlichen Facetten seiner Persönlichkeit kommen auf diese Weise sehr anschaulich zum Vorschein und mit ihnen - die Parallelen zu den Karamasow-Brüdern: hier der Agierende (ein Dmitri), dort der Mitleidige (ein Aljoscha), drüben der ewige Rebell, der wild die Faust gen Himmel reckt (ein Iwan). Und so wie Iwan, meiner Meinung nach, der interessanteste der Karamasows ist, so ist auch der Rebell in Kordonskys Inszenierung derjenige, der wieder und wieder die wunden Fragen (die wohl wichtigste: Wieso lässt Gott das Leid Unschuldiger zu?) zu stellen wagt und so den Menschen in der Revolte vorwegnimmt.
Zufällig ist das nicht, konnte doch Dostojewski bezeichnenderweise solche Passagen viel leichter schreiben als ekstatisch-fromme. Wie so viele anderen war er kein wirklich Glaubender, sondern ein Glaubenwollender. Vielleicht hob er gerade deshalb das Orthodoxe so sehr hervor. Kordonsky folgt diesem Streben. Einfache, aber um so efektvollere Mittel (das Vorlesen aus dem Evangelium oder das Anstimmen des Vater unser auf Russisch) heben den heilsversprechenden christlichen Aufruf zu Demut, Reue und Buße hervor.
Mir jedoch stach noch etwas ganz anderes ins Auge, nämlich: Raskolnikows Irrtum.
Denn: Woran scheitert dieser eigentlich? An falscher Planung? Am Wille Gottes? Nein, er scheitert (und das kommt, ob gewollt oder ungewollt, sehr eindringlich in Kordonskys Inszenierung zum Ausdruck) an seiner eigenen Selbstverkennung. Napoleon, der unbeirrt Menschenleben opfert, um seinen Weg zu Ruhm und Macht zu gehen, ist Raskolnikows Vorbild. Hätte Napoleon gezaudert?, fragt er sich daher wieder und wieder. Wohl kaum. Ein gut gerechtfertigter, weil notwendiger Mord hätte jenem nicht sehr viel ausgemacht. Raskolnikow aber muß Schlachten schlagen, die Napoleon nie zu schlagen brauchte, und zwar aus einem sehr einfachen Grund: Er ist kein Napoleon-Typ. Darin liegt sein Irrtum, seine Blindheit: Er rechnet nicht – mit seiner Sensibilität und seinem Gewissen.
In diesem Sinne offenbart Kordonskys Inszenierung den Abgrund, der den hybrisgelenkten Tatmenschen vom luzid-sensiblen Intellektuellen trennt. Und das ist sehr lehrreich.

                                                                                                                        Ioana Orleanu

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