Donnerstag, 20. November 2014

DER TAG, AN DEM WIR ERWACHT SIND / ZIUA IN CARE NE-AM TREZIT


16.11.2014, 10 Uhr 20, München, U-Bahnstation Richard-Strauss-Strasse. Ich bin auf dem Weg zum rumänischen Konsulat um mein erstes Bürgerrecht: das Wählen auszuüben. Schon in der U-Bahn wird um mich herum erstaunlich viel Rumänisch gesprochen. Kein schlechtes Zeichen. Während ich die Rolltreppe hochfahre, frage ich mich, ob es dieses Mal auch so schlimm wie am 2.11 werden wird, als manche bis zu sieben Stunden Schlange standen und trotzdem nicht wählen konnten. Seit Monaten wird darüber diskutiert, dass für die drei Millionen im Ausland lebenden Rumänen nicht genug Wahllokale vorgesehen sind. Die Regierung in Bukarest tischt aber ständig neue Lügenmärchen auf, um keine zusätzlichen eröffnen zu müssen: nichts soll Premier Pontas Wahl zum Staatspräsidenten gefährden. So gibt es in Deutschland nur deren fünf.
Ich weiß das alles, dennoch rechne ich mit höchstens drei Stunden Wartezeit, denn - es kann doch nicht sein, was nicht sein darf. Oben angekommen werde ich sofort eines besseren belehrt: die Schlange beginnt an der Ecke Richard-Strauss/Denningerstr., also ca. fünfhundert Meter vor dem Konsulat. Tausende sind schon da, ältere, aber vor allem junge, Arbeiter, LKW-Fahrer, Verkäuferinnen, Akademiker, Eltern mit Kindern, Schwangere, Hundebesitzer – und ihre Vierbeiner. Eine unglaubliche Menschenmenge, die nur eines will: Klaus Iohannis, Sibius beliebten Bürgermeister, zum Präsidenten wählen. Ich stelle mich an, halte es aber nicht lange an Ort und Stelle aus. Also gehe ich auf und ab, auf und ab, bis zum Konsulat und wieder zurück, diese Strecke werde ich zig Mal zurücklegen. Ich treffe Henny, die schon seit 6.30 hier ist. Sie hat sich als freiwillige Helferin gemeldet, verteilt Kugelschreiber und Formulare für jene lächerliche, aber so zeitraubende Erklärung: daß man nicht schon woanders gewählt hat. Als ob jemand nach stundenlangem Warten in, sagen wir, München, hunderte Kilometer zurücklegen würde, um in, sagen wir, Frankfurt, die ganze Prozedur noch einmal über sich ergehen zu lassen! Wieder und wieder ertönen Buh-Rufe und Pfiffe, wie Wellen setzen sie sich Reihe um Reihe bis ganz nach hinten fort. Man skandiert. „Diebe, Diebe, wir wollen wählen!“, „Ponta lügt uns an / Iohannis – unser Mann!“, „Wir wollen ein Land / wie im Ausland!“ Man singt die Nationalhymne: „Erwache Rumäne...“ Und fragt sich, ob dieser ganze Einsatz zu etwas nutzen wird. Eine junge Frau in weißem Anorak erklärt einem Ehepaar, in gebrochenem Deutsch und doch sehr eloquent, was „die Rumänen“ hier eigentlich machen. Deutscherseits gibt es nur große Augen: „Ihr habt keine Briefwahl?“ Die Sonne scheint, obwohl Regen angekündigt war. Wie gut, wenn die Wettervorhersage falsch ist. Wird es die Wahlprognose auch sein?